Animal Studies

In den letzten zwanzig Jahren ist das akademische Interesse, sowohl in den Geistes- als auch in den Naturwissenschaften, an der Beziehung von Tier und Mensch stark angewachsen.

Animal Studies, auch oft Human-Animal Studies oder Anthrozoologie genannt, haben sich als akademische Disziplin in den 1980er und 1990er Jahren im angelsächsischen Sprachraum (insbesondere in Australien, USA, Großbritannien) entwickelt. Unter dem Dach der Animal Studies werden meist nur die Geisteswissenschaften gefasst – vertreten sind vor allem Geschichtswissenschaften, Literaturwissenschaften, Kulturwissenschaften, Philosophie, Anthropologie und Soziologie, aber auch Psychologie, Rechtswissenschaften und Religionswissenschaften. Inwieweit die Naturwissenschaften Eingang in die Animal Studies finden (sollen), ist noch nicht geklärt.

Das Aufkommen der Animal Studies ist nicht zu trennen vom gesellschaftlichen Erstarken von Tierrechts- und Tierschutzgedanken und ist eng verbunden mit der Rezeption von tierethischen Publikationen von Peter Singer (Animal Liberation, 1975) und Tom Regan (The Case of Animal Rights, 1984). Den aufklärerischen und emanzipatorischen Ansatz hatten die Animal Studies daher mit anderen radikalen Befreiungsbewegungen gemein, und sie verstanden sich zunächst als Nachfolger der Frauenbewegung, Antikriegs- und Menschenrechtsbewegungen in den 60er und 70er Jahren. Mittlerweile hat sich der Diskurs aber stark verwissenschaftlicht und seine in der Frühphase primär aktivistische Stoßrichtung verloren. Nichtsdestotrotz bemühen sich die Animal Studies darum, eine Geschichte der veränderten menschlichen Wahrnehmung des Tieres zu schreiben, in der das Tier als es selbst ernst genommen wird und erhoffen sich neben theoretischen auch praktische und politische Auswirkungen.

Die Idee, dass anthropozentrische und humanistische Subjektkonzeptionen in Frage gestellt werden müssen, ist eine der fundamentalen Überzeugungen vieler Forscher der Animal Studies. Sie diskutieren in diesem Zusammenhang vor allem Theorien von Jacques Derrida (L’animal que donc je suis), Giorgio Agamben (L’aperto, 2002) oder Gilles Deleuze und Félix Guattari (Mille plateaux, 1980) als Möglichkeit alternative, post-humane und nicht-anthropozentrische Perspektiven einzunehmen. Den genannten Positionen ist gemein, dass sie das Dogma des metaphysischen Anthropozentrismus hinterfragen und auf klassische Mensch-Tier-Unterscheidungen verzichten. Im Sinne einer Foucaultschen Genealogie werden Begriffe bzw. Konzepte von ‚Mensch’ und ‚Tier’, die sich zu bestimmten historischen Zeiten und in bestimmten Kontexten immer wieder neu konstituieren, grundsätzlich in ihrer Konstruiertheit hinterfragt.

Forschungsfelder der Animal Studies sind z. B. die kritische Analyse von bildender Kunst, Film, Literatur und Populärkultur im Hinblick auf die kulturellen und sozialen Bedeutungsschichten von Mensch-Tier-Beziehungen. Es wird u. a. untersucht, auf welche Weise Tiere und menschliche Interaktion mit Tieren ihren Ausdruck in den Wissenschaften finden und inwiefern Tiere und Tier-Mensch-Beziehungen die menschliche Kultur beeinflussen und mitgestalten. Dabei werden Schlüsselbegriffe der westlichen Geistesgeschichte wie etwa „Natur“ und „Kultur“ oder die Repräsentation von Tieren in den Künsten sowie die historischen Veränderungen in menschlichen Wahrnehmungen von Tieren und von Tier-Mensch-Beziehungen auf ihre ideologische oder ästhetische Funktion hin analysiert. Es gibt mittlerweile – wiederum besonders in den englischsprachigen Industrienationen – eine Vielzahl von Forschungseinrichtungen, die sich unter der Fächerbeschreibung Animal Studies fassen lassen.

Die allmähliche Professionalisierung der Animal Studies zeichnet sich durch eine rege Forschungstätigkeit aus, die sich in einer Vielzahl von interdisziplinären Publikationen und Konferenzen sowie der Gründung von Forschungseinrichtungen und Fachzeitschriften niederschlägt.

Gerade in den letzten Jahren sind eine Reihe von Sammelbänden erschienen, die erstmals Forschungsergebnisse und Quellentexte der Animal Studies in kompakter Form zusammenfassen. Dazu zählen vor allem:

- Armstrong, Susan J. The Animal Ethics Reader. London 2003,

- Atterton, Petzer und Matthew Calarco (Hg.). Animal Philosophy. Essential Readings in Continental Thought, London/New York 2005 und

- Kalof, Linda und Fitgerald, Amy (Hg.). The Animals Reader. The Essential Classic and Contemporary Writings. New York 2007.

 

Jessica Ullrich (2009)